Die Autorin

Uta Seeburg studierte Germanistik, Komparatistik und Kunstgeschichte in ihrer Geburtsstadt Berlin, anschließend promovierte sie in Berlin und Cambridge. Nach der Promotion zog es sie nach München, wo sie erst als Werbetexterin und anschließend als Reise- und Buchredakteurin bei AD Architectural Digest arbeitete. Heute widmet sie sich ausschließlich der Schriftstellerei.
Seeburg lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Haidhausen.
Wie würden Sie Ihren Roman »Der falsche Preuße« in drei Worten beschreiben?
Umbrüche – Spurenlesen – Bratensemmel.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über die Anfänge der Ermittlungsarbeit zum Ende des 19. Jahrhunderts zu schreiben? Was fasziniert Sie persönlich daran?
In meiner Doktorarbeit habe ich mich unter anderem damit beschäftigt, welchen Einfluss das Beschreiben und Interpretieren von Spuren auf die Erzählweisen in der Literatur des 19. Jahrhunderts hatte. Das war ein neuer Gestus, der auch von der noch sehr jungen Disziplin der Kriminalistik beeinflusst war. Vorher hat man sich bei der Lösung eines Kriminalfalls auf Geständnisse und Zeugenaussagen berufen, nicht selten kam die Folter zum Einsatz. Die Idee, einen Tatort nach Indizien abzusuchen, die Spur sozusagen als objektive Wahrheit zu Wort kommen zu lassen, ist insofern auch eine humanitäre Geste, denn mit dem Indizienbeweis wurde die Folter abgeschafft. Ich durfte ein paar Monate in Cambridge forschen, wo ich Zugriff auf eine ganze Bibliothek kriminalistischer Literatur des späten 19. Jahrhunderts hatte. Da wurden so viele spannende, teils auch kuriose Methoden zur Verbrechensaufklärung beschrieben, alles immer getrieben von dem Drang, diese Techniken zu perfektionieren – also, das schrie einfach danach, das einmal literarisch zu verarbeiten.
Erzählen Sie uns mehr über Ihre Hauptfigur Wilhelm von Gryszinski.
Gryszinski lebt in einer aus unserer heutigen Sicht vielleicht beschaulichen Welt, aber diese ist für ihn voller Veränderungen: Er ist von Preußen nach Bayern gezogen, er hat eine neue Rolle als Sonderermittler bei der Königlich Bayerischen Polizeidirektion, und er ist zum ersten Mal Vater geworden. Zudem ist das ausgehende 19. Jahrhundert eine Zeit voller Innovationen, ständig wird die Welt schneller und vernetzter. Sein Anker in all diesen Wirren ist seine Frau Sophie. Und sein gemütliches Temperament, sein sehr unpreußischer Hang zum Genuss, den er in der Stadt des Biers und des Schweinsbratens voll ausleben kann.
Gab es für Gryszinski ein reales Vorbild?
Es gibt keine einzelne Person, die mir da vorschwebte, nein. Aber ich denke, es fließen viele Eigenschaften mir nahestehender Personen in seinen Charakter ein.
Ihr Roman ist gespickt mit wunderbaren Details und Begebenheiten aus der damaligen Zeit. Wie haben Sie all das recherchiert?
Die Basis für alles, was ich über die Zeit weiß, sind sicherlich zeitgenössische Romane, von denen ich einfach über die Jahre sehr viele gelesen habe. Vor allem Theodor Fontane ist für diesen ganzen preußischen Komplex eine wichtige Referenz. Ansonsten musste ich mich bei den banalsten Dingen fragen: Wie war das eigentlich damals? Wie, zum Beispiel, hat man sich die Zähne geputzt? Wie lange dauerte denn eine Zugfahrt von München nach Berlin? Manches kann man im Internet herausfinden, das meiste in Fachbüchern, da wurde ich oft in der Monacensia in München fündig. Und in einigen Fällen habe ich Experten kontaktiert. Oftmals allerdings weiß ich später nicht mehr so genau, woher ich etwas habe, denn wenn ich recherchiere, verfalle ich in einen regelrechten Rausch, ich folge irgendwelchen abseitigen geistigen Pfaden und stoße dabei immer wieder auf Details, die mich faszinieren.
Welche Nebenfigur hat Ihnen beim Schreiben am meisten Spaß gemacht?
Frau Brunner! Ich wünschte mir, dass sie meine Haushälterin wäre und in meinem Ofen Kapaune braten und Buchteln backen würde.
Als Preuße verschlägt es Gryszinski in die bayerische Landeshauptstadt. Mit einem Augenzwinkern thematisiert Ihr Roman die kleineren und größeren kulturellen Unterschiede zwischen den Preußen und den Bayern. Konnten Sie da als Berlinerin in München auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen?
Absolut! Nach acht Jahren in München habe ich den bayerischen Spirit vielleicht noch nicht komplett durchdrungen, aber ihn doch teilweise selbst übernommen. Ich trinke zwar immer noch nicht gerne Bier, aber ich drücke des Öfteren mit einem »mei…« bayerische Gelassenheit aus. Und freue mich darüber, dass die kleinen Brunnen auf dem Viktualienmarkt wohl zu den Lieblingsplätzen der Kindheit meiner Tochter zählen.
»Der falsche Preuße« war Ihr Debüt als Autorin. Wussten Sie schon immer, dass Sie einmal einen Roman schreiben würden?
Ganz so neu im Geschäft war ich ja eigentlich nicht, als der »Preuße« rauskam. Direkt nach dem Abitur habe ich einen kleinen Erstling veröffentlicht, ich würde es mal eine Novelle nennen, die damals bei einem Berliner Verlag erschien, den es mittlerweile leider nicht mehr gibt. Es war aber eine tolle Zeit Anfang der Nuller Jahre, ich trieb mich auf lauter Lesungen herum, habe auch selbst hier und da gelesen – und dabei einiges erlebt. Der Wunsch, einen »richtigen« Roman zu schreiben, war damals schon da. Aber irgendwie fehlte immer die Zeit; während des Studiums schrieb ich Gags fürs Fernsehen, danach die Doktorarbeit, dann war ich Werbetexterin und schließlich Redakteurin. Vor allen Dingen aber fehlte die richtige Idee. Bis Hauptmann Gryszinski eines Tages an meine geistige Tür klopfte.
Gibt es etwas, das Sie beim Schreiben als besonders herausfordernd empfinden?
Es gibt natürlich Tage, an denen man sich drücken will, sich überwinden muss. Aber ich schreibe jetzt schon so viele Jahre, dass ich gelernt habe, den Widerstand niederzuringen und einfach anzufangen. Und sobald die Worte loslaufen, gibt es kaum etwas, das mir mehr Spaß macht.
Wie sieht Ihr Schreiballtag genau aus?
Von außen betrachtet total langweilig! Wir stehen morgens auf, machen unsere Tochter für den Kindergarten fertig, und sobald Mann und Kind die Wohnung verlassen haben, setze ich mich hin und lege los. Manchmal, wenn ich einen Tapetenwechsel brauche, gehe ich in ein düsteres italienisches Café mit einer Espressomaschine, die lauter als eine Dampflokomotive ist.
Wer durfte Ihr Manuskript als Erstes testlesen?
Mein Mann und meine Eltern haben ganz zu Beginn die ersten Kapitel gelesen. Wobei man sich nicht vorstellen darf, dass sie kritiklose Claqueure wären. Eher nicht. Die euphorischste Person in der Familie bin leider ich selbst. Aber es gefiel ihnen gut, zum Glück. Später hat noch eine Freundin von mir, mit der ich promoviert habe, mitgelesen. Die hat dann den Motivationspart übernommen.
Welche Art von Büchern lesen Sie persönlich gerne? Haben Sie literarische Vorbilder?
Es ist vermutlich wenig überraschend, dass ich ein Faible für die Literatur des 19. Jahrhunderts habe. Ich bewundere sehr Fontane, Flaubert, Henry James und Balzac. Und ich liebe Edith Wharton, eine Schülerin von Henry James, die zu ihrer Zeit sehr erfolgreiche Romane geschrieben hat, mit einer Leichtigkeit, die sowohl elegant und tiefsinnig ist. Zudem lese ich sehr viele Krimis. Und dann natürlich, lachen Sie nicht, Unmengen von Bilderbüchern. Meine kleine Tochter hat eine sehr genaue Vorstellung davon, welches Buch sie mehrmals hintereinander vorgelesen haben will. Ich bin oft überrascht, wie sich dort ganz konkrete Inhalte mit Witz und einer völlig unkitschigen Romantik verbinden. Davon kann man viel lernen.
Was macht eine Geschichte zu einer Geschichte, die Sie erzählen möchten?
Die Geschichte muss ein atmendes Wesen aus Charakteren, Schauplätzen und Konflikten sein, die mich in einer schwer zu beschreibenden Art berühren. Der Plot ist dann fast eine mathematische Aufgabe, tatsächlich habe ich beim »Falschen Preußen« eine Tabelle angelegt, in der die reinen Handlungsschritte akribisch geplant wurden. Auch beim zweiten Band bin ich so vorgegangen. Aber was mich immer noch jeden Tag antreibt, ist die Welt, die sich da in meinem Kopf auftut.
Und nun erscheint der zweite Band! Was ist für Sie das Schönste, wenn Sie mit der Arbeit an einem neuen Buch beginnen?
Das Gefühl, dass mir alles offensteht. Dass der neue Stoff unbegrenzte Möglichkeiten bietet, um mich kreativ austoben zu können. Diese Euphorie versuche ich immer wieder während der Arbeit an einem Projekt hochzuholen, um mich zu erinnern, warum ich von der Geschichte und ihren Möglichkeiten von Anfang an begeistert war.
Und was ist am schwierigsten?
Der Boden, den diese ersten mit Begeisterung hingeworfenen Seiten bieten, ist gleichzeitig noch sehr unsicher. Natürlich frage ich mich auch schnell, ob denn diese Idee überhaupt ein ganzes Buch tragen kann. Zudem liegt ein mörderisch hoher Berg aus ungeschriebenen Worten vor einem, darüber darf man nicht zu sehr nachdenken. Die ersten hundert Seiten über bewege ich mich in diesem Spannungsfeld aus Begeisterung und Skepsis. Wenn die dann geschafft sind, ergreift mich in der Regel die Gewissheit, dass dieses Buch tatsächlich eines Tages fertig sein wird.
Der Arbeitsprozess war in diesem Fall natürlich extrem von Corona und mehreren Lockdowns geprägt. Das war manchmal sehr schwer – beim Schreiben muss man eh sehr viel mit sich selbst ausmachen, und dann kam noch die ganz allgemeine Abschottung dazu. Also ich müsste lügen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich jeden Tag mit superguter Laune am Schreibtisch saß.
Wie war es für Sie, Ihrer Hauptfigur Wilhelm von Gryszinski zum zweiten Mal zu begegnen? Haben Sie Seiten an ihm entdeckt, die Sie vorher noch nicht kannten?
In der Tat war das jetzt sehr neu: Ich schreibe zum ersten Mal eine Serie, bin also zwar in eine neue Geschichte eingestiegen, aber die Figuren und das ganze Setting waren mir zutiefst vertraut. Ich kann wohl freiheraus sagen, dass es sich wie nach Hause kommen angefühlt hat. Und ja, Gryszinski und ich haben neue Seiten an ihm entdeckt. Vor allem ausgelöst durch seine Frau Sophie, die wohl die größte Entwicklung durchmacht. So viel sei schon verraten: Sie wird eine zentralere Rolle einnehmen und sich sogar, erstaunlich für ihre Zeit und ihren Stand, beruflich weiterentwickeln.
»Das wahre Motiv« spielt in München-Schwabing, zu einer Zeit, als der Stadtteil als literarisch-künstlerisches Zentrum galt. War es für Sie ein Leichtes, bei der Recherche in diese Welt einzutauchen, oder ist von dem Charme dieser besonderen Zeit heute nicht mehr viel zu finden?
Die Schwabinger Bohème zur Jahrhundertwende gilt als Münchens goldene Zeit, ein Kapitel in der Geschichte der Stadt, auf das man hier zurecht sehr stolz ist. Auch die große Zeit der Malerfürsten wie Lenbach und Stuck, um die es sich ebenfalls im »Wahren Motiv« dreht, hat bis heute eine ungemeine Strahlkraft. Im Gegensatz zum »Falschen Preußen«, der oft komplizierte Recherchen erforderte, hatte ich hier also einen reichen Fundus an Zeitzeugenberichten und Forschungsbeiträgen, aus dem ich schöpfen konnte. Und der mich schnell in diese Welt hat eintauchen lassen. Schwabing als heutiger Stadtteil ist mir zwar immer noch nicht so vertraut wie Haidhausen, das Lehel oder die Gegend um den Viktualienmarkt. Aber viele der Schauplätze stehen noch an Ort und Stelle, und abgesehen davon ist Schwabing bis heute ein Ort der Kreativen und Studenten. Also immer noch spürbare Schwabylon-Stimmung.
Und natürlich die interessanteste Frage für alle Leserinnen und Leser: Wird es einen weiteren Band mit Gryszinski geben?
Den wird es definitiv geben! Tatsächlich schreibe ich derzeit an Band 3, und es macht schon wieder riesigen Spaß.